Zehntausend Augen Leseprobe Auch eine Woche, die ein Leben radikal verändert, beginnt mit einem Montag. Ellens Beine waren unglaublich schwer an diesem Morgen. Es schien, als bewegte sich das Fahrrad durch einen zähen Brei, dabei war die Straße so eben und frei wie an allen Tagen. Kriminalhauptkommissarin Ellen Faber verfluchte die Flasche Rotwein, die sie noch kurz vor Mitternacht getrunken hatte. Warum hatte sie nicht die Finger davon gelassen? Sie wusste doch genau, dass sie am nächsten Morgen den Preis dafür zahlen musste. Das war die Strafe, dass sie sich nicht beherrscht hatte. Und damit die Strafe richtig wehtat, hatte sie heute nicht ihr Straßenrad genommen, sondern das schwere Mountainbike – obwohl es in Berlin gar keine Berge gab. Es war zwar Sommer, aber um fünf Uhr morgens war die Luft noch kühl. Trotzdem pochte ihr das Blut im Kopf von der Anstrengung. Ellen wollte auch auf dem Mountainbike den Weg zu ihrer Dienststelle in dreißig Minuten schaffen. Dann musste der Restalkohol verbrannt sein und ihr Frust vergessen. Die Kollegen durften nichts merken. Wenn sie irgendetwas ahnten, war das für ihre Autorität ein bitterer Rückschlag. Sie hatte lange dafür kämpfen müssen, um auf eine leitende Position beim Landeskriminalamt zu kommen. Und sie hatte sich ausgerechnet die Abteilung 632 ausgesucht, den Bereich, in dem die Spezialeinsatzkommandos angesiedelt waren. Die SEKs waren noch immer sehr von Männern dominiert. Um dort als Frau zu überleben, musste man hart sein. Erst recht, wenn man in dieser Abteilung Karriere machen wollte. Ellen war hart. Nicht nur zu ihren Untergebenen, auch zu sich selbst. Jeden Tag. Auch heute. Sie erlaubte sich nicht einmal den Gedanken, für einen kurzen Moment langsamer zu fahren. Schwer atmend keuchte sie die Straße entlang. Es war eine Nebenstraße, in der um diese Zeit noch nicht viel los war. Das würde sich auf dem Tempelhofer Damm deutlich ändern. Die Litfaßsäule kurz vor dem Ende der Straße kam in Sicht. Sie markierte exakt die Hälfte des Wegs zwischen ihrer Wohnung und dem Landeskriminalamt. Ellen hielt den Blick starr auf die Säule gerichtet, während sie noch kräftiger in die Pedale trat. Ganz unten an der Säule hing ein uraltes, vergilbtes Plakat von einem längst vergangenen Madonna- Konzert. Entweder hatten die Plakat-Kleber es jahrelang übersehen oder niemand wollte diesen wenig beachteten Platz direkt über der Straßenkante als Werbefläche kaufen. Noch konnte Ellen das Plakat nicht sehen, aber sie kannte es genau. Madonna war klein, aber sie hatte es ganz nach oben geschafft. Das war für Ellen an vielen Tagen ein Ansporn. Mit ihren ein Meter sechzig besaß sie gerade die vorgeschriebene Mindestgröße für eine Bewerbung bei der Polizei. Damit war sie zwangsläufig dazu verdammt, lebenslang die Kleinste zu sein. Ein zusätzliches Handicap, das Ellen aber nur noch härter machte. Das Madonna-Plakat kam näher. Trotzdem wollten keine positiven Gedanken in Ellen aufkommen. Sie dachte einfach gar nichts. Sie fixierte starr den Fuß der Säule. Von einer Sekunde auf die andere änderte sich alles. Wie in extremer Zeitlupe sah Ellen eine Beule auf dem Gesicht von Madonna entstehen. Die Beule wuchs rasend schnell. Dann platzte sie auf. Steinbrocken und Pappe spritzte auf die Straße. Ellen wich hektisch aus. Zu schnell und zu plötzlich. In voller Fahrt knickte der Lenker weg, und sie stürzte auf die Fahrbahn. Die Säule verharrte einen Moment aufrecht, dann neigte sie sich zur Seite und kippte um. Genau neben Ellen schlug sie krachend auf den Boden. Vorsorglich schützte Ellen ihren Kopf mit den Händen. Ein paar Atemzüge lang blieb sie liegen und wartete, bis nichts mehr durch die Luft flog. Dann sprang sie auf. Dank ihrer  Ausbildung hatte sie sich instinktiv so abgerollt, dass keine Knochen gebrochen waren. Die Haut abgeschürft, einige Kratzer, ein Haufen Prellungen, ihr T-Shirt eingerissen - das war alles. Ellen verschwendete keine Sekunde daran. Mit schnellen Blicken suchte sie die Umgebung ab. War irgendetwas verdächtig? Flüchtete ein Auto? Verhielt sich jemand seltsam? Nichts. Die üblichen Schaulustigen sammelten sich, Autos bremsten, weil die Straße versperrt war. Verletzt war anscheinend niemand. Die Schäden hielten sich in Grenzen. Dann sah Ellen das Paket. Es lag bei den Trümmern, die vom oberen Ende der Litfaßsäule stammten. »Für die Polizei« war mit großer Schrift darauf geschrieben. --------------------- Um Viertel vor eins ging Ellen wieder in die Zentrale und erkundigte sich nach dem Stand der Technik. Khalid hatte rote Flecken im Gesicht. “Wir haben alle erreichbaren Server der Polizei und einiger anderer Behörden zusammengeschaltet und ...” Ellen winkte ab. »Ich bin überzeugt, dass Sie phantastische Arbeit geleistet und ein kleines Wunder vollbracht haben, aber die Details verstehe ich nicht. Was ich wissen möchte, ist: Wie viele Nutzer verkraften die Systeme jetzt, ohne zusammenzubrechen? Wir dürfen uns keine Panne erlauben.« »Achtzigtausend. Plus/minus zehntausend. Ganz genau kann man das nicht vorhersagen.« Achtzigtausend. Ellen war von der Leistung der Techniker ehrlich beeindruckt. Und erschrocken. So viele Leute konnten ihr zusehen. Sie würde am liebsten in ein Loch im Boden versinken oder sich einfach in Luft auflösen. Im Hintergrund die Fäden zu ziehen, oder viel besser noch, im Kampfanzug einem realen Gegner gegenüberzustehen, das war ihre Welt. Ein hässlicher Geschmack stieg ihre Speiseröhre hinauf. Ellen brauchte alle Konzentration, um ihre Übelkeit niederzukämpfen. Mit weichen Knien trat sie in die Mitte des Raums, wo alle sie sehen konnten. Und »alle« hieß dieses Mal, nicht nur alle Kollegen, sondern Tausende von Menschen an ihren Computern zu Hause. Khalid hielt eine Tafel hoch, auf der sechzigtausend stand. Die Übelkeit kehrte schlagartig zurück. Ellen lehnte sich an einen Tisch, unauffällig, wie sie hoffte. Die Digitaluhr sprang auf 13:00. Exakt zur gleichen Sekunde signalisierte Skype eine eintreffende Verbindung. »Guten Tag, Frau Faber. Schön, Sie wieder zu sprechen – und zu sehen.« Er kannte ihren Namen. Woher? Geistesgegenwärtig fragte Ellen zurück: »Und wie heißen Sie?« Gelächter drang aus den Lautsprechern, wie Ellen es aus amerikanischen Comedy-Sendungen kannte. Eine eingespielte Konserve. »Dafür ist es noch zu früh. Diese Information müssen Sie sich verdienen. Einen ersten Schritt dahin können Sie gleich tun. Achten Sie auf den Monitor.« Auf dem Bildschirm, der das eingehende Signal aufnahm, erschien ein Doppeldecker-Bus in der typischen gelben Lackierung der Berliner Verkehrsgesellschaft. Er fuhr die Linie 106, wie auf der Anzeige über der Windschutzscheibe gut zu sehen war. Jetzt stand er geparkt neben anderen Bussen. »Was sehen Sie?«, fragte die Stimme. »Einen Bus der BVG. Und?« »Richtig. Aber dieser Bus hat eine Sonderausstattung.« Das Bild zoomte heran und schwenkte zugleich so, dass Ellen unter den Bus sehen konnte. Dort war etwas befestigt. Das Bild zoomte weiter heran. Ein schwarzer Kasten in der Größe einer Zigarrenkiste. Eine LED leuchtete rot wie ein böses Auge. Eine Sprengladung! In der Nähe des Tanks. Man sah es ganz deutlich. Ellen wurde heiß. »Was soll das? Was wollen Sie?«, stieß sie hervor. »Nicht so ungeduldig. Sie werden gleich verstehen. Sehen wir uns gemeinsam das Bild einer Überwachungskamera an, die zufällig auf der Route des Busses installiert ist.« Das Bild wechselte. Da war wieder der Bus. Gerade hielt er an einer Haltestelle. Durch die Fenster konnte man sehen, dass der Bus voll besetzt war. Im Mittelgang und auf der oberen Ebene drängten sich Schulkinder auf dem Weg nach Hause. Auf Ellens Stirn bildeten sich Schweißtropfen. »Das ... das können Sie nicht tun. Die vielen Menschen. Die Kinder. Sie sind unschuldig. Sie dürfen ihnen nichts tun.« »Ob ihnen etwas geschieht, liegt ganz allein bei Ihnen, Frau Faber.« »Bei mir? Warum bei mir? Was wollen Sie?« »Die Frage nach dem ›warum?‹ verschwendet nur Zeit, und davon haben Sie nicht viel. Sie haben exakt dreihundert Sekunden, um die Katastrophe zu verhindern. Die Zeit läuft ab jetzt.« Auf dem Monitor wurde eine 300 eingeblendet. Ellen starrte auf die Zahlen: 299, 298, 297, 296 ... Die Stimme schwieg. Neugierig wie es weitergeht? Klicken Sie aufs Foto