Sein letzter TonE-Book60 - 70 Seiten1. Im PräsidiumGerd Markert sah zufrieden auf das vor ihm liegende Blatt.Ja, so ist es sehr gut, dachte er.Markert hatte lange mit sich gekämpft, ob er diesen Brief aufsetzen sollte. Es war schon ziemlich ungewöhnlich, wenn er als Leiter der Mordkommission 1 den Polizeidirektor bat, seine Kollegin zu versetzen. Früher wäre Markert solch ein Gedanke niemals gekommen. Früher, das waren noch Zeiten gewesen. Diese traumhafte Ruhe im Büro, ein Kollege, der seinen Schreibtisch aufräumte, der aber leider wegen eines Herzinfarkts in den vorzeitigen Ruhestand verschwunden war.Jetzt war alles anders, denn jetzt war SIE da, Carolin Sievers, Hauptkommissarin aus Hamburg. Gut aussehend zwar, aber ein Folterwerkzeug für Markerts Nerven. Caro war unordentlich in einem Maß, das Markerts Phantasie bei weitem überschritt, dauernd in Bewegung und das fast immer mit Geräuschen verbunden. Caro zog sich so an, dass den meisten Männern bei ihrem Anblick unanständige Gedanken kamen. Dazu legte sie bei ihren Ermittlungen die Dienstvorschriften so aus, dass Markert schwindelig wurde.Markert horchte auf. Im Flur näherten sich Schritte. Caro kam. Es war das typische Klackern ihrer Absätze, für Markert ein zuverlässiges Frühwarnsystem. Er wusste, dass er noch exakt siebzehn Sekunden Zeit hatte, bis die Tür aufging.Markert steckte das Blatt in einen Umschlag und legte ihn in die oberste Schublade seines Schreibtischs.Noch vier Sekunden.Markert nahm eine Akte und tat, als ob er darin lesen würde.Die Tür ging auf.»Morgen«, sagte Caro. Es klang müde.Wahrscheinlich hat sie gestern wieder lang gefeiert, dachte Markert.Sowas tat Markert nie. Er ging immer pünktlich nach den Tagesthemen ins Bett.»Morgen«, grüßte Markert zurück.Noch bevor Caro ihren Schreibtisch erreichte, beförderte sie mit einem kräftigen Schwung ihre Handtasche darauf. Der große Anhänger mit ihren Initialen »CS« streifte dabei Markerts sorgsam ausgerichtete Stifte und brachte sie durcheinander.Markert war sauer. Das war gestern schon passiert und vorgestern auch.»Ich kann es nicht leiden, wenn du meine Sachen durcheinanderbringst«, schimpfte Markert ärgerlich. »Lass das sein.«»Tut mir Leid, passiert nie wieder«, entschuldigte sich Caro - wie jeden Tag.Normalerweise stieg Markerts Blutdruck an dieser Stelle deutlich über das gesunde Maß an. Heute lenkte er seine Gedanken auf den Brief und blieb ruhig.»Ist was? Du sagst gar nichts«, fragte Caro prompt.Markert dachte noch intensiver an den Brief, um weiterhin ruhig zu bleiben.Den Brief zu formulieren, war nicht einfach gewesen, Caro tat schließlich nie etwas Verbotenes. Sein Anliegen seinem Chef so rüberzubringen, dass Caro an einem anderen Platz viel besser geeignet wäre, war eine kleine Meisterleistung. Außerdem musste Markert aufpassen, sich nicht vor seinen Kollegen zu blamieren. Er durfte nicht den Anschein erwecken, dass er nicht mit Caro fertig würde.Markert war fest von einem Erfolg seiner Aktion überzeugt. Caro war noch nicht lange hier, konnte kaum jemanden kennen und hatte noch keine Lobby. Markert hatte Jahre gebraucht, aber inzwischen kannte er jeden im Präsidium. Es konnte absolut nichts schiefgehen.Markerts Blutdruck sank auf Normalwerte. Er stellte sich vor, wie er seinen Brief dezent bei Wolfgang Toppik, dem Polizeidirektor abgeben würde, verbunden mit einer geschickten Bemerkung. Toppik war ein erfahrener Mann und psychologisch geschult. Er würde so handeln, wie Markert sich das dachte.Das Telefon klingelte.»Mordkommission 1, Markert«, meldete sich Markert wie üblich.Caro spürte, dass Markert plötzlich Haltung annahm.Da ist bestimmt sein Chef dran.Markert saß aufrecht auf seinem Stuhl. Seine Sprache blieb förmlich, aber seine Miene verfinsterte sich mit jedem Wort. Caro konnte nur hören, was Markert sagte.»Ein Missverständnis ist ausgeschlossen?«Jetzt war Caros Neugier geweckt. Markert hatte seinen Chef noch nie hinterfragt. Es musste also etwas ganz Besonderes sein. Caro stellte das Klappern auf der Tastatur ein und lauschte intensiver.»Ja, das muss sein«, hörte sie jetzt doch aus dem Hörer. »Es ist der ausdrückliche Wunsch des Polizeipräsidenten. Dr. Schlüter hat mich persönlich angerufen.«Beim Stichwort »Polizeipräsident« sackte Markert zusammen. Von da an sagte er nur noch: »Jawohl, Herr Polizeidirektor.«Als Markert auflegte, sagte er gar nichts mehr.»Was ist los?«, fragte Caro mitfühlend. »Hat man dich in den Vogelsbergkreis versetzt?«Markert sagte immer noch nichts. Statt dessen nahm er einen Umschlag aus seiner Schublade, stand auf, ging damit zum Schredder und steckte ihn ungeöffnet hinein. Markert wartete das Schmatzen und Ratschen des Schredders ab und ging zu seinem Platz zurück.»Was war das?«, wollte Caro wissen.»Nichts.«»Wenn das nichts war, warum siehst du dann aus, als hättest du in eine Zitrone gebissen?«Markert sah stumm in die Luft.»Woher kennst du den Polizeipräsidenten?« fragte er nach einer Weile.»Dr. Schlüter? Der war letztens auf einem Empfang. Ich dachte, ich geh mal hin und stell mich vor. Schließlich bin ich seine neue Mitarbeiterin.«Caro sagte es so, als wäre es das normalste der Welt. Markert hatte in den vielen Jahren noch nie mit Dr. Schlüter gesprochen. Und diese Frau ging einfach so hin. Unerhört. Markert machte ein Gesicht, als hätte er in eine zweite, noch saurere Zitrone gebissen.»Und was hast du mit ihm geredet?«, wollte er wissen.»Was man halt so sagt. Dass ich gerne hier bin, dass ich stolz darauf bin, in der MK 1 zu sein. Ach ja, und dass es sicher selbstverständlich ist, dass wir die schwierigsten Fälle kriegen. Schließlich sind wir ja die 1.«Markerts Gesicht verzog sich, als hätte er in etwas gebissen, das noch viel saurerer als alle Zitronen war.LeseprobeEin Klick aufs Bild bringt Sie direkt zu AmazonNEU
Worum es gehtDer dritte Fall von Caro Sievers.Ein mysteriöser Unfall während eines Live-Konzerts. Es gibt keine Hinweise auf einen Mord, aber auf Druck der Öffentlichkeit erwartet der Polizeipräsident Ermittlungen und zwar speziell durch die Mordkommission 1 mit Caro Sievers. Das durchkreuzt die Pläne von Gerd Markert, der gerade meint, einen Weg gefunden zu haben, um Caro loszuwerden.Caro stürzt sich mit Begeisterung auf den Fall, der sich aber tatsächlich als harte Nuss entpuppt. Hunderte Zeugen, die alle gesehen haben, dass eigentlich nichts passiert ist.Um diese Nuss zu knacken, muss Caro vollen Einsatz bringen.